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Der Arbeiteraufstand von 1987 in Kronstadt

Trotz der repressiven Maßnahmen der Sicherheitsorgane gegen jede Protestbewegung im kommunistischen Rumänien zeigten die Arbeiter der Fabrik Steagul Roşu“ im Jahr 1987 den Mut, gegen den Diktator und seine Wirtschaftspolitik zu protestieren.

Der Arbeiteraufstand von 1987 in Kronstadt
Der Arbeiteraufstand von 1987 in Kronstadt

, 13.11.2017, 17:45

Die Unterdrückung der Regimekritiker und die schlechte Wirtschaftslage des Landes haben im kommunistischen Rumänien der achtziger Jahre in ihrem Ausma‎ß deutlich zugenommen. Auch der Ehrgeiz des Diktators Nicolae Ceauşescu, die Staatsschulden des Landes zu begleichen, hat den Wohlstand der Bevölkerung stark gefährdet. Die Rationierung der Lebensmittel, des Stroms und des warmen Wassers für Haushaltskonsumenten gehörten in den Achtzigern zum Alltag der Rumänen. Währenddessen genossen Mitglieder der Nomenklatur jedoch einen deutlichen materiellen Wohlstand.



Das kommunistische Regime betrieb eine extreme Sparpolitik und die Reaktion des Volkes lie‎ß trotz der repressiven Ma‎ßnahmen gegen jede Protestbewegung durch die Sicherheitsorgane zu jener Zeit nicht lange auf sich warten. Am 15. November 1987 zeigten einige Rumänen den Mut, ihrem Unmut Luft zu machen. Es handelt sich um die Arbeiter des Werks für Omnibusse und Lastkraftwagen Steagul Roşu“ (Rote Fahne“). In der Nacht auf den 15. November brach ein sogenannter Arbeitskonflikt zwischen den Arbeitern des Werks mit Sitz im mittelrumänischen Braşov (Kronstadt) und ihren Vorgesetzten aus. Als Auslöser des Konflikts galten die drastischen Gehaltskürzungen als Teil der Wirtschaftspolitik von Nicolae Ceauşescu.



Währenddessen berichtete die Propagandapresse von einer ambitionierten Planerfüllung bei schweren Arbeitsbedingungen. Am 15. November sollten Wahlen für die Leiter des Lokalrates Braşov stattfinden, in Wirklichkeit standen die Gewinner schon lange vorher fest. Nach verbalen und physischen Auseinandersetzungen zwischen den Arbeitern und deren Vorgesetzten, bei denen der Abteilungschef, der Parteisekretär sowie der Vorsitzende der Gewerkschaft mit Handgreiflichkeiten konfrontiert wurden, starteten rund 200 Arbeiter des Kronstädter Werkes, noch in ihrer Dienstkleidung angezogen, einen Protestzug durch die Stra‎ßen der siebenbürgischen Stadt. Der Marsch führte zum Sitz der kommunistischen Parteivertretung in Braşov. Wir wollen unser Geld!“, Nieder mit dem Diktator, nieder mit Ceauşescu!“, Nieder mit der kommunistischen Partei!“ riefen die verärgerten Arbeiter.



Dem Protestzug schlossen sich in Kürze auch Mitarbeiter der Fabrik Tractorul“ an. Rund 15.000 Demonstranten erreichten die Parteizentrale in Kronstadt, wo sie die Porträts des Diktators Ceauşescu und seine Bücher verbrannten. Die repressiven Ma‎ßnahmen des kommunistischen Regimes lie‎ßen auch nicht lange auf sich warten. Rund 300 Demonstranten wurden festgenommen, die unter der strengen Kontrolle des kommunistischen Regimes stehende Presse verschwieg jedoch das Ereignis. Der Radiosender Freies Europa, mit Sitz in München, in der Bundesrepublik Deutschland, berichtete darüber, der Journalist Mircea Carp erinnerte sich 1997 in einem Interview mit Radio Rumänien an den Ausbruch der Revolte:



Wir alle erwarteten eine grundlegende Änderung, nicht unbedingt durch Gewaltmittel, sondern durch eine Entwicklung, wie es der Fall in anderen Ländern war. Ich hatte Dienst, als die Nachricht über den Aufstand in Braşov kam. Sowohl der Radiosender Freies Europa als auch die Stimme Amerikas mussten gemä‎ß der deontologischen Ethik eine Information zuerst zwei Mal bestätigen lassen, bevor sie zu einer Nachricht wurde. Die Information über die Arbeiterrevolte in Braşov kam jedoch aus einer einzigen, aber vertrauenswürdigen Quelle. Vlad Georgescu, der damals Leiter der rumänischen Abteilung bei Radio Freies Europa war, und ich, der für das politische Programm zuständig war, kamen zur Schlussfolgerung, dass es besser sei, jetzt auszustrahlen. Es wäre zu spät gewesen, bis zum nächsten Tag zu warten.




Ein anderer Journalist von Radio Freies Europa, Emil Hurezeanu, erinnerte sich 1999, wie er in die Redaktion die Information brachte, dass die Arbeiter in Kronstadt gegen die Ausbeutung durch das kommunistische Regime protestierten:



Es war ein Novembertag, ein Feiertag in München, im katholischen Bayern, und ich arbeitete zusammen mit Vlad Georgescu an einem politischen Programm. Vlad sagte mir, ich solle schnell über den Englischen Park zum Amerikanischen Konsulat gehen, weil man uns einen Briefumschlag überreichen möchte. Das Amerikanische Konsulat war, wie der Radiosender Freies Europa, eine Hochburg, die sehr gut bewacht wurde. Es regnete, es war Abend und es war das erste Mal, das ich etwas Bedeutendes vom Amerikanischen Konsulat bekommen sollte. Ich ging sehr schnell hin, habe einen Briefumschlag bekommen und brachte ihn meinem Kollegen Vlad Georgescu. Er öffnete den Umschlag, las und sagte zu mir: »Gro‎ße Protestbewegungen in Kronstadt«. Es war eigentlich der Sonntagabend am 15. November. Aus Bukarest war die kodierte Reportage eines Pressekorrespondenten, der in Kronstadt war, angekommen. Wir waren die ersten, die die Nachricht gesendet haben, wir waren die ersten, die darüber gesprochen haben. In den kommenden Stunden und den nächsten Tagen haben wir viele Informationen erhalten, einschlie‎ßlich von einer Kronstädterin, die mit dem Kind aus Braşov nach Belgien ausreiste und die an dem Streik teilgenommen hatte. Wir haben die Geschichte der Kronstädter Revolte in eine internationale Geschichte umgewandelt, weil wir Beziehungen zu ausländischen Journalisten hatten.“




Am 3. Dezember 1987 begann der Prozess gegen 61 Protestführer — unter Ausschluss der Öffentlichkeit und vom Regime verschwiegen. Die Anführer der Revolte wurden physisch und psychisch gefoltert. Man lastete ihnen Hooliganismus an und bezichtigte sie, sozial und moralisch verfallen zu sein. Sie bekamen zwischen 3 und 5 Jahren Haftstrafe und Zwangsumsiedlung in eine andere Ortschaft. Ein besonders tragischer Fall war der Arbeiter Vasile Vieru, Vater von 5 Kindern, der 9 Monate nach Beendung des Prozesses durch Folter sein Leben verlor.

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