Mobilität statt Verkehr – auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Stadt
Der tägliche Verkehr ist für viele Menschen zu einer ständigen Belastung geworden – durch Stress, Lärm und Luftverschmutzung. Die Lösung liegt allerdings nicht allein im Ausbau der Straßen, sondern erfordert ein grundsätzliches Umdenken: weg vom Konzept des Transports, hin zu einem umfassenderen Verständnis von Mobilität. Das kommt auch dem Umweltschutz zugute.
Daniel Onea und Sorin Georgescu, 30.10.2026, 17:30
Oana Turturică, Vorsitzende des Vereins „Hai cu Bicla“ (zu deutsch in etwa: „Los, aufs Rad“), erläutert diesen neuen Ansatz der umweltfreundlichen Mobilität.
„In den westlichen Ländern gehören diese Konzepte längst zum Alltag. Der Übergang vom Transport zur Mobilität bedeutet, dass alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt behandelt werden. Ganz gleich, ob wir Auto fahren, mit dem Fahrrad unterwegs sind, zu Fuß gehen oder im Rollstuhl sitzen – wir alle haben Rechte und Pflichten. Die Straße ist ein gemeinsamer Raum, der Platz für alle bieten muss, ohne Hindernisse und Konflikte. Wenn solche Maßnahmen flächendeckend umgesetzt werden, wird die Luft- und Lärmbelastung zurückgehen. Gleichzeitig verbessern sich die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen.“
Für den Verein „Hai cu Bicla“ ist es seit seiner Gründung im Jahr 2013 ein zentrales Anliegen, das Fahrradfahren aus der Nische des persönlichen Freizeitvergnügens herauszuholen und zu einem Thema der öffentlichen Verkehrspolitik zu machen. Von den ersten frei zugänglichen Fahrradservicestationen, die 2016 in Bukarest aufgestellt wurden, über die Initiative für ein eigenes Fahrradgesetz bis hin zu aktiven Partnerschaften für mehr Verkehrssicherheit: Der Verein setzt sich konsequent für eine angemessene Fahrradinfrastruktur ein. Wie alles begann, erzählt Oana Turturică, die Vorsitzende des Vereins.
„Die Idee, den Verein zu gründen, war zunächst eine Form des Protests. Der damalige Bürgermeister hatte behauptet, dass es in Bukarest keine Radfahrer gebe. Wir wollten beweisen, dass es uns sehr wohl gibt und dass wir darüber hinaus eine sichere und funktionierende Infrastruktur brauchen. Als wir vor 13 Jahren unsere Arbeit aufnahmen, gab es noch keine klaren Gesetze und Vorschriften. Inzwischen sind solche Regelungen vorhanden. Trotzdem müssen wir feststellen, dass das Radfahren immer gefährlicher geworden ist. Es wurden sogar Verbote für Radfahrer eingeführt. Mit anderen Worten: Wir werden eher dazu gedrängt, das Fahrrad nicht zu benutzen.“
Die Gefahren im Straßenverkehr sind real: Allein in Bukarest ereigneten sich in diesem Jahr bis Ende August 24 Unfälle, an denen Radfahrer beteiligt waren. Im Rahmen der Kampagne „Schluss mit dem Stress im Straßenverkehr“, die der Verein „Hai cu Bicla“ ins Leben gerufen hat, wurde deshalb auch über Straßen diskutiert, wo menschliche Fehler im Verkehr nicht gleich in tödliche Unfälle münden müssen. In anderen Ländern ist diese Vorstellung von Verkehrssicherheit bereits Realität, erklärt Oana Turturică.
„In Oslo ist es gelungen, Verkehrsunfälle mit getöteten oder verletzten Radfahrern vollständig zu vermeiden. In den Niederlanden und den skandinavischen Ländern werden Radfahrer von Autofahrern respektiert. Denn dort ist man sich bewusst, dass dank des Fahrradverkehrs die Luft sauberer ist, die wir alle atmen. Ein weiteres Beispiel ist Litauen. Dort haben die Stadtverwaltungen eigens Beauftragte für den Radverkehr eingesetzt. Auf diese Weise wird die Zivilgesellschaft in Entscheidungen über die Neugestaltung von Straßen einbezogen. So ist sichergestellt, dass die Fahrradinfrastruktur von Anfang an mitgeplant wird.“
Um solche Verhältnisse auch in der rumänischen Hauptstadt zu schaffen, wurde das Projekt „InfraVelo București“ ins Leben gerufen. Besonderes Augenmerk legt der Verein auf die Sicherheit von Kindern. Dazu gehört das Konzept der Schulstraßen, das beispielsweise in Sibiu (Hermannstadt) und Cugir bereits umgesetzt wird. Geplant sind außerdem spezielle Aufstellbereiche für Radfahrer an Ampeln. Auch Lieferwagen und Autos sollen künftig aus Parks ferngehalten werden, um den Einsatz von Lastenrädern zu fördern und diese Grünanlagen vor Abgasen zu schützen. Weitere Einzelheiten von Oana Turturică, der Vorsitzenden des Vereins „Hai cu Bicla“.
„Es gibt durchaus Beispiele für gute Lösungen, auch wenn es leider noch nicht sehr viele sind. In Sibiu etwa gibt es das Konzept der Schulstraßen, das wir auch in Bukarest umsetzen möchten. Weitere gute Initiativen und Infrastrukturlösungen findet man in Reșița (Reschitz), Cluj (Klausenburg) und Bacău. In Siebenbürgen werden außerdem Radwanderrouten ausgebaut. Bukarest sollte eigentlich Vorreiter sein, aber hier haben wir noch einiges nachzuholen. Wir hoffen, mit unseren Projekten die Veränderungen beschleunigen zu können.“
Obwohl Bukarest bereits seit einem Jahr über einen verabschiedeten Masterplan für den Radverkehr verfügt, drohen die darin vorgesehenen Routen bei Infrastrukturprojekten immer wieder unter den Tisch zu fallen. Oder sie werden mangelhaft umgesetzt, etwa durch falsch angebrachte Fahrbahnmarkierungen. Dazu erneut Oana Turturică, Vorsitzende des Vereins „Hai cu Bicla“.
„Der Masterplan für den Radverkehr in Bukarest ist ein lebendiges Dokument. Er sieht ein Netz von Fahrradrouten vor, sowohl auf den Hauptstraßen als auch in den Nebenstraßen. Ich bezeichne ihn als lebendig, weil dieses Netz jederzeit erweitert werden kann, wenn eine Stadtverwaltung eine Straße oder ein Viertel neu gestaltet. Entscheidend ist, dass der Plan nicht nur auf dem Papier steht. Wir müssen seine Umsetzung beschleunigen, damit möglichst viele Menschen dazu ermutigt werden, das Auto stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad oder eine Kombination verschiedener Verkehrsmittel zu nutzen.“
Der Umbau der Stadt erfordert auch den Mut, auf Straßen, auf denen mehr Sicherheit geschaffen werden soll, ein Tempo-30-Limit einzuführen. Zudem sollten bereits vorhandene und kostenlos zugängliche Daten genutzt werden. Sie erfassen mehr als 500 000 Kilometer, die von den Bukarester Radfahrern zurückgelegt wurden. Ob die geplanten Maßnahmen tatsächlich Erfolg haben, hängt allerdings auch vom Druck aus der Bevölkerung ab. Was jeder Einzelne dazu beitragen kann, erklärt Oana Turturică, Vorsitzende des Vereins „Hai cu Bicla“.
„Der erste Schritt ist das zivilgesellschaftliche Engagement: Man sollte sich an die Stadtverwaltungen und die politischen Entscheidungsträger wenden und eine Fahrradinfrastruktur fordern, die Wohngebiete mit Schulen und Arbeitsplätzen verbindet. Der zweite Schritt besteht darin, die öffentlichen Verkehrsmittel kennenzulernen und sie auch zu nutzen. Im Idealfall sollten sich alle Menschen, die sich für alternative Mobilitätsformen interessieren, zusammenschließen und gemeinsam bei den Behörden darauf drängen, dass die notwendige Infrastruktur geschaffen wird.“
Die Mobilität der Zukunft bedeutet also nicht, das Auto aus den Städten zu verbannen, sondern alle Fortbewegungsmittel sinnvoll miteinander zu verbinden. Nachhaltige Städte werden jene sein, in denen die Kommunalpolitik umweltfreundliche Alternativen fördert und wo saubere Luft sowie Sicherheit für alle Bürger gewährleistet sind.