Wie Bukarest zum starken Industriestandort wurde
Die Geschichte der industriellen Entwicklung der rumänischen Hauptstadt, die vor fast 170 Jahren begonnen hat, verläuft parallel zur Industrialisierung des gesamten Landes. Man vergisst oft, dass der Aufbau eines Landes ebenso viel kostet wie der Aufbau eines gesamtnationalen Bewusstseins. Rumänien ist mit Geld aufgebaut worden. Dafür brauchte es eine leistungsfähige Wirtschaft, die vor allem auf der Industrie beruhte. Nach der wirtschaftlichen Denkweise des 19. Jahrhunderts war die Industrie der Schlüssel zu technischem Fortschritt, Entwicklung und Wohlstand.
Alex Gröblacher, 28.09.2026, 16:15
Allgemein lässt sich sagen, dass sich die Bukarester Industrie auf die Verarbeitung einheimischer Rohstoffe, die Einrichtung von Montagewerken für Produkte aus dem Westen, auf Reparaturen und in geringerem Maße auf eigene Entwicklungen stützte.
Wie sich Bukarest seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Industriestadt entwickelt hat, weiß Cezar-Petre Buiumaci, Historiker am Museum der Hautstadt.
„Bukarest hat sich von einem kleinen Handelsort an der Kreuzung wichtiger Handelswege über die fürstliche Residenz und die Hauptstadt der Fürstentümer bis zur Hauptstadt Großrumäniens entwickelt. So wurde die Stadt zum wichtigsten Industriezentrum des Landes. Die territoriale Ausdehnung und der Bedarf an handwerklich hergestellten Produkten führten zu einem beträchtlichen Wachstum der Werkstätten. Daraus wurden größere Werkstätten, dann kleine Fabriken und schließlich die Keimzellen der späteren großen Industrieanlagen.“
Die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts legten die Grundlagen der Bukarester Industrie. Doch nicht nur das: Die Industrie prägte auch das Stadtbild und die Identität der Bukarester, sagt Cezar-Petre Buiumaci:
„Zu Beginn des Jahrhunderts nach dem Ersten Weltkrieg wurde die industrielle Entwicklung vor allem durch gesetzliche Maßnahmen vorangetrieben. Sie begünstigten die Gründung neuer Unternehmen, aus denen später jene großen Fabriken hervorgingen, die das kommunistische Regime weiter ausbauen sollte. Die Entwicklung verlief insgesamt aufwärts, wurde aber auch gebremst. Ein solcher Einschnitt war die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933. Die Stadt entwickelte sich sowohl strahlenförmig als auch entlang eines Rings. Die meisten Betriebe lagen in einem Kreis entlang der äußeren Ringstraße. Hinzu kamen die Hauptverkehrsadern, die in die Stadt führten, sowie die Eisenbahnlinien. Es gab mehrere große und wichtige Bahnhöfe: Filaret, Nord, Obor und Cotroceni. Eine Straße verband sie miteinander. Das war die äußere Ringstraße, nach französischem Vorbild. Ende des 19. Jahrhunderts grenzte sie praktisch den inneren, eigentlichen Stadtbereich ab. Alles, was die Umwelt belastete, lag außerhalb dieses Gebiets.“
Vom Nordbahnhof ausgehend gab es zahlreiche Betriebe, Straßenbahndepots, Krankenhäuser und Friedhöfe, die damals alle außerhalb der Stadt lagen. Dass sie heute zum Stadtgebiet gehören, ist auf die verschiedenen Phasen der territorialen Ausdehnung Bukarests zurückzuführen. Sie liegen nur deshalb heute innerhalb der Stadt.
„Man kann von zwei Sicherheitszonen innerhalb dieses Bereichs sprechen. Dahinter begann das Entwicklungsgebiet. Selbst als die Kommunisten 1945 an die Macht kamen und angesichts der damaligen Wohnungsnot großer Druck auf den Wohnungsbau entstand, wurde alles außerhalb des bisherigen Stadtgebiets errichtet. Praktisch entstanden Städte innerhalb der Stadt, die an die erwähnte äußere Ringstraße angrenzten.“
Die Zwischenkriegszeit gilt als Blütezeit der Entwicklung Rumäniens. Die rumänische Gesellschaft lief damals auf Hochtouren. Das Land war eng mit der europäischen Modernisierung verbunden, und die Industrie versuchte, mit dem Westen Schritt zu halten, meint der Historiker Cezar-Petre Buiumaci:
„Das Jahr 1938 gilt in der Statistik als Referenzjahr für die rumänische Wirtschaft. Damals gab es acht Industriezentren, darunter Bukarest, das zugleich das wichtigste war. Auch vierzig Jahre später ist Bukarest der größte Wirtschaftsraum.
Die wichtigsten Industriegebiete lagen in der Nähe der Bahnhöfe. Von dort führten Ausfallstraßen aus der Stadt und teilten sie in die späteren Stadtviertel. Diese Industriegebiete umgaben bereits die Stadt und bildeten gewissermaßen einen industriellen Schutzgürtel. Sie zogen weitere Betriebe derselben Branchen an, aber auch andere Unternehmen, die nicht zu einer bestimmten Branche gehörten, sondern lediglich Dienstleistungen für die Industrie erbrachten. Cotroceni war bereits ein Gebiet, das vorwiegend mit der Rüstungsindustrie verbunden war. Dort befand sich das Militärgelände, weshalb es dort auch einen Bahnhof gab. Danach kam das praktisch unerschlossene Gebiet, das während der kommunistischen Zeit entwickelt wurde. Die Entwicklung begann mit dem Textilbetrieb APACA und reichte von dort bis zur heutigen Autobahnauffahrt, wo sich früher ein Dorf befand.“
In den vergangenen 170 Jahren hat sich die Industrie Bukarests entsprechend den historischen Epochen und den jeweiligen politischen Führungen Rumäniens entwickelt. Sie hat Generationen von Bukarestern geprägt und dazu beigetragen, die Stadt zu dem zu machen, was sie heute ist.