Ein Film gegen das Vergessen: Andrei Epures „Lass mich nicht sterben“
In der vergangenen Woche haben wir den Film „Milchzähne“ vorgestellt. In der heutigen Ausgabe sprechen wir mit dem Regisseur Andrei Epure über seinen neuen Film „Lass mich nicht sterben“. Der Film feierte seine Weltpremiere beim Festival von Locarno, in der Sektion für neue Stimmen des Kinos.
Corina Sabău und Alex Sterescu, 07.02.2026, 13:58
„Lass mich nicht sterben“ bewegt sich bewusst in einer Zone der Ambiguität. Der Film oszilliert zwischen Arthouse-Horror und absurder Komödie über den Tod – eine Mischung, die auch den respektlosen Humor anderer Drehbücher von Andrei Epure prägt.
Mit seinem Langfilmdebüt erweitert der Regisseur die Geschichte aus „Interfon 15“, der 2021 in der Semaine de la Critique beim Filmfestival von Cannes gezeigt wurde. In „Lass mich nicht sterben“ entwirft Epure eine Welt, in der die Grenze zwischen Absurdität und menschlicher Fragilität immer durchlässiger wird.
Gedreht wurde der Film an 26 Tagen in Eforie, Mangalia, Neptun, Olimp und in Bukarest. Im Mittelpunkt steht Maria, gespielt von Cosmina Stratan. Sie versucht, die Beerdigung ihrer rätselhaften Nachbarin Isabela zu organisieren, dargestellt von Elina Löwensohn. Eine menschliche Geste führt sie in ein Labyrinth aus Bürokratie, merkwürdigen Begegnungen und bedrückendem Schweigen.
Die Geschichte geht auf eine Erinnerung der Ko-Autorin Ana Gheorghe zurück – an eine alleinlebende Nachbarin, die unweit ihres Elternhauses starb. „Im Kern ist der Film ein Aufschrei gegen das Vergessen“, sagt Gheorghe, die auch Produzentin des Films ist.
Mit Andrei Epure haben wir darüber gesprochen, wie er die Hauptfigur in „Lass mich nicht sterben“ angelegt hat und was ihn dabei inspiriert hat.
„Mich hat interessiert, wie man jemanden in Abwesenheit porträtieren kann – also eine Person, die nach ihrem Tod präsenter wird als zu Lebzeiten. Vereinfacht gesagt ist das Postmortale vielleicht die einzige Möglichkeit, ein Porträt zu entwerfen, weil der Tod einen Abschluss schafft. Und dieser Abschluss erlaubt uns, Schlüsse zu ziehen, auch wenn sie auf fragmentarischen Beobachtungen beruhen. Das Porträt von Isabela besteht nur aus wenigen Elementen: Sie sprach mit Bäumen, hatte zwei Hunde, war Lateinlehrerin und hatte ein Kind. Mich hat auch interessiert, was ein geheimnisvolles Leben hinterlässt. In diesem Fall bleiben nach ihrem Tod zwei Hunde. Was können diese Hunde über die Frau erzählen, wenn sie nicht mehr da ist? Dieses Thema hat auch mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin in Gorj, in Alimpești, aufgewachsen und hatte eine sehr besondere Beziehung zu meiner Groß- und Urgroßmutter. Der Film ist auch aus dem Wunsch entstanden, mit Tieren zu kommunizieren – und mit den Erinnerungen meiner Kindheit.“
Wir haben mit Andrei Epure außerdem darüber gesprochen, wie der Film zwischen verschiedenen Tonlagen pendelt und wie diese stilistische Unschärfe seine künstlerische Handschrift widerspiegelt.
„Heute sehe ich den Film als ein Werk an der Grenze – und das ist wohl die beste Beschreibung. Er bewegt sich in einem Übergangsraum, zwischen Realismus und Fantastik, zwischen Komödie und Horror. Das kann irritieren. Selbst die komischen Momente sind unangenehm; man weiß nicht immer, ob oder wann man lachen soll. Man kann oft nicht erkennen, ob eine Szene zum Lachen gedacht ist oder etwas anderes erzeugen soll. Ich war nicht bei der Vorführung in Bukarest, bei Les Films de Cannes à Bucarest, aber mir wurde erzählt, dass an Stellen gelacht wurde, an denen ich es nicht erwartet hätte. Ich glaube, das Publikum brauchte eine Art Befreiung. Es war, als würden sich die Leute fragen: Was will dieser Film eigentlich von mir? Und genau das mag ich. Es war meine Absicht, einen Film zu machen, der realistisch beginnt und sich dann in andere, vielleicht transzendentale oder surrealistische Bereiche öffnet. Diese scheinbare Dichotomie zieht sich durch den gesamten Film – im Stil, im Ton und auch im Sounddesign. Die Geschichte bleibt immer in einem Zwischenzustand.“
Produziert von Saga Film thematisiert „Lass mich nicht sterben“ auch eine zunehmend alarmierende Realität: das Leben in Einsamkeit. Laut der Studie „Dimensionen der Einsamkeit“, durchgeführt von der Organisation Niciodată Singur – Prietenii Vârstnicilor in Zusammenarbeit mit Kantar Romania, sind mehr als die Hälfte der älteren Menschen in rumänischen Städten von Einsamkeit betroffen. Rund 310.000 von ihnen empfinden sie als besonders belastend.