Textilkunst und Poesie im Dialog: Die Ausstellung „Full Season“
Ein kuratorisches Jahr geht zu Ende – und mit ihm ein ungewöhnliches Kunstprojekt, das textile Installationen und poetische Formen zusammenbringt: Die Celula de Artă in Bukarest schließt die Saison 2025 mit der Ausstellung „Full Season“ ab. Präsentiert werden Arbeiten jener Künstlerinnen und Künstler, die die Galeria Verticală über das Jahr hinweg geprägt haben. In einer Zeit des Übergangs – zwischen Licht und Dunkelheit, Abschluss und Neubeginn – lädt die Schau ein zu Introspektion und Sensibilität. Über Konzept, Auswahl und Wirkung dieser Ausstellung hat Ion Puican mit Anca Spiridon, Kultur-PR und Kuratorin von „Full Season“, gesprochen.
Ion Puican und Alex Sterescu, 29.11.2025, 12:37
Zunächst erzählt Anca Spiridon, warum „Full Season“ den Schlusspunkt des Jahres setzt und welche Bedeutung die Ausstellung für das Team hat:
„Wir haben entschieden, das Jahr der Celula de Artă mit einer letzten großen Ausstellung zu beenden – Full Season, eine Gruppenschau für textile Kunst. Damit wollen wir auch ein Jahr markieren, das für unser Team voller Herausforderungen war: zwei internationale Residenzen, zwei umfangreiche Kulturprojekte mit großen Teams und natürlich die gesamte Ausstellungssaison der Galeria Verticală.
Zum ersten Mal haben wir in einem der Räume der Celula de Artă konsequent und zusammenhängend ausschließlich textile Arbeiten und Installationen gezeigt. Die Ausstellung im Technischen Museum, die bis zum 30. November läuft, sehen wir als Fazit – aber auch als Moment des Durchatmens. Wir wollen uns freuen über das, was wir geschafft haben, Bilanz ziehen und unsere Lektionen daraus lernen.“
Ich wollte von ihr außerdem wissen, wie der kuratorische Leitfaden für die Ausstellungssaison 2025 der Galeria Verticală aussah – und wie die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt wurden.
„Bei der Wahl des Ausstellungsthemas sind wir von zwei Ideen ausgegangen, die in unseren Künstlerkreisen oft auftauchen – bei bildenden Künstlern wie auch bei Schriftstellern. Erstens: In der bildenden Kunst gilt Textilkunst immer noch als Aschenputtel, also als am wenigsten vertreten und am wenigsten sichtbar in Galerien. Und zweitens: In der Literatur ist die Lyrik das Aschenputtel der Gegenwartsliteratur.
Obwohl sich die Dinge in den letzten Jahren stark zum Besseren verändert haben, wollten wir beide Bereiche zusammenbringen, um Besucherinnen und Besuchern, die sich für das eine oder das andere interessieren, die Möglichkeit zu geben, eine neue Ausdrucksform zu entdecken. Und ja – sie verstärken sich hervorragend gegenseitig: Die Lyrik bringt die auditive Ebene, die Textilkunst die visuelle – und beide treffen sehr tief emotional.
Das Lustige ist: Die Arbeiten im diesjährigen Saisonprogramm wurden gar nicht klassisch ausgewählt. Es waren Vorschläge von Künstlerinnen und Künstlern, die uns empfohlen wurden oder die wir bereits kannten und unbedingt dabeihaben wollten. Zufällig drehten sich alle Arbeiten um persönliche Erfahrungen, um intime Zustände, die dennoch sehr zugänglich sind. Es geht um Momente der Fragilität, des Erinnerns, der Identitätsfindung und der Selbstreflexion. Und als wir sie im Technischen Museum zusammenbrachten, fügten sie sich fast von selbst zu einer inneren Landschaft von Emotionen, durch die die Besucher gehen können.“
„Full Season“ vereint textile Installationen, Collagen, visuelle Strukturen und poetische Interventionen. Identität, Erinnerung, Zerbrechlichkeit und das Werden stehen im Zentrum; die Ausstellung wird zu einem Innenraum, den die Besucher durchqueren.
Wie Kunst Unsichtbares sichtbar macht, erklärt Anca Spiridon so:
„In der Ausstellung gibt es Arbeiten, die mentale oder emotionale Prozesse in visuelle Formen übersetzen. Denn visuelle Sprache hilft enorm, wenn bestimmte Gefühle einfach nicht in Worte zu fassen sind. Das ist genau die Aufgabe von Kunst: das ans Licht zu bringen, was schwer sichtbar oder schwer auszusprechen ist. Und oft ist es tatsächlich so, dass man noch bevor man das Etikett liest, durch die reine Bildsprache sofort einen Zugang findet.“
Die Celula de Artă ist ein artist-run-space, der seit Jahren Kunst aus dem klassischen White Cube herausholt und in zugängliche, lebendige Räume bringt. Auch „Full Season“ folgt diesem Ansatz.
Zum Abschluss erläutert Anca Spiridon die Mission des Projekts:
„Wir beenden jetzt das achte Jahr, in dem die Celula de Artă als artist-run-space arbeitet. Unser Ziel war von Anfang an, Kunst in zugängliche Räume zu bringen – weg von der klassischen Galerie oder dem Museum. Natürlich haben wir gelegentlich auch Ausstellungen im White Cube, aber grundsätzlich wollen wir Kunst direkt zum Publikum bringen.
Und im Laufe der Zeit haben wir gemerkt, dass diese Herangehensweise uns ein Publikum nähergebracht hat, das normalerweise nicht in Galerien geht. Menschen, die unkonventionelle Räume mögen und die entspannte Atmosphäre schätzen, in der wir künstlerische Vorschläge präsentieren.“
Die Ausstellung „Full Season“ ist noch bis zum 30. November im Technischen Museum in Bukarest zu sehen. Sie beschließt nicht nur ein kuratorisches Jahr, sondern öffnet einen sensiblen, poetischen Raum: eine Einladung, textile Kunst und zeitgenössische Lyrik neu zu entdecken – und vielleicht auch sich selbst ein wenig.