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Die Welt durch Kinderaugen: „Dinți de lapte“ und das Rumänien von 1989

Mit Dinți de lapte legt der rumänische Regisseur Mihai Mincan einen der eindrucksvollsten Filme des Jahres vor. Angesiedelt im Jahr 1989 und erzählt aus der Perspektive eines Kindes, verzichtet der Film auf politische Anklage und konzentriert sich auf Angst, Erinnerung und Wahrnehmung.

fonte: facebook.com/ Istituto Romeno di Cultura e Ricerca Umanistica Venezia
fonte: facebook.com/ Istituto Romeno di Cultura e Ricerca Umanistica Venezia

und , 01.02.2026, 22:39

Dinți de lapte spielt im Jahr 1989, in einer Bergbaustadt im Niedergang, in einer Welt, die bereits vor dem politischen Umbruch von Erschöpfung und Leere gezeichnet ist.
Ausgangspunkt der Geschichte ist das plötzliche Verschwinden eines kleinen Mädchens – ein Ereignis, das eine ganze Familie aus dem Gleichgewicht bringt.

Ein Milizionär übernimmt die Ermittlungen, stößt jedoch rasch an die Grenzen eines Systems, das kaum Raum für Zweifel oder Mitgefühl lässt. Die Eltern des verschwundenen Kindes, gespielt von Marina Palii und Igor Babiac, erstarren zwischen Angst, Schuld und Hoffnungslosigkeit, während das quälende Warten und das Ausbleiben von Antworten die familiären Beziehungen langsam aufreißen.

Doch Mihai Mincan interessiert sich weniger für den Kriminalfall als für die Wahrnehmung dieser Ausnahmesituation. Er erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive von Maria, der älteren Schwester des verschwundenen Mädchens. Damit vermeidet der Film eine direkte politische Abrechnung mit dem Kommunismus und konzentriert sich stattdessen auf eine kindliche Sicht auf eine Welt, die unverständlich, bedrohlich und widersprüchlich erscheint.

Die Erzählung setzt sich aus Andeutungen zusammen, aus halben Gesprächen, aus Dingen, die nicht erklärt werden oder sich dem Verständnis eines Kindes entziehen. Marias Begegnungen mit anderen Kindern bleiben oft merkwürdig distanziert, fast gleichgültig gegenüber dem Verschwinden ihrer Schwester. Diese Bruchstücke mischen sich mit Musik der 1980er-Jahre – Pet Shop Boys, Hot Butter – mit Alltagsgeräuschen, verblassten Farben und einer Bildwelt, die von einem fahlen, melancholischen Licht durchzogen ist und stellenweise ganz in Dunkelheit übergeht.

Die Entscheidung für diese Perspektive ist für Mihai Mincan eng mit eigenen Kindheitserinnerungen und persönlichen Erfahrungen verbunden.

Einer der Gründe, warum ich die Perspektive von Maria gewählt habe, ist stark autobiografisch geprägt. Meine Beziehung zu meiner Tochter spielte dabei eine große Rolle. Als sie klein war, hatte sie einen schwierigen Start ins Leben, sprach spät und verbrachte viel Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen, zu den Bäumen – sie hatte eine sehr reiche innere Welt, die sie kaum nach außen zeigte. Sie litt auch unter nächtlichen Angstzuständen, einer Art Albträumen. Ich erinnerte mich daran, dass auch ich als Kind solche Ängste hatte, vor der Dunkelheit, vor Formen, die daraus hervorzutreten schienen. 
Ich hatte das Gefühl, aus dieser inneren Welt eines Kindes heraus schreiben zu können.

Der Film handelt von Einsamkeit und Verwirrung, und die Perspektive eines Kindes erschien mir ehrlicher als die eines Erwachsenen, der mehr Informationen hat und anders mit der Welt verbunden ist. Und natürlich spielte auch eine Rolle, dass ich 1989 neun Jahre alt war. Ich kenne diese Welt. Sie war leer, fast ausgesaugt von jeder Form von Energie. Ich erinnere mich sehr genau an ihre Geräusche, Farben und Texturen. Diese Welt ist mir bis heute nahe.

Auch die Figur des ermittelnden Milizionärs entzieht sich einfachen Zuschreibungen.
Gespielt wird sie von István Téglás, der einen Mann zeigt, der selbst von der Welt, in der er lebt, überfordert ist und zwischen institutionellen Zwängen und menschlichem Mitgefühl gefangen bleibt.

Statt eines eindimensionalen Vertreters der Macht entsteht das Bild eines Menschen, der das Leid der Familie wahrnimmt, ohne wirklich helfen zu können. Diese Ambivalenz ist zentral für den Film – und Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Schauspieler.

Mihai Mincan über die bewusste Entscheidung, mit bekannten Klischees zu brechen.

Darüber habe ich viel mit István gesprochen, und das war auch der Hauptgrund, warum er die Rolle angenommen hat. Schon in unserem ersten Gespräch habe ich gesagt, dass ich keinen Milizionär zeigen will, wie man ihn als Zuschauer aus den meisten rumänischen Filmen kennt. Wir hatten bereits zusammengearbeitet, ich weiß, was er kann und wie er arbeitet. Er ist ein sehr großzügiger Mensch und ein guter Freund. Auch seine Figur ist von der Welt und dem System, in dem sie existiert, überfordert.

Und trotzdem bewahrt sie eine sehr klare Empathie für das Drama der Familie. Ich weigere mich zu glauben, dass alle Milizionäre in dieser Zeit brutale Menschen waren. Ich glaube nicht, dass jemand – vor allem jemand mit eigenen Kindern – unfähig gewesen wäre, das Leid einer Familie zu verstehen, die ihr Kind verliert. Eine Figur, die nur als Brutalität angelegt wäre, hätte sich für mich falsch angefühlt.

Dinți de lapte ist ein Film über kindliche Wahrnehmung, über Angst und Einsamkeit – und über eine Gesellschaft kurz vor ihrem Zusammenbruch, erzählt nicht aus der Perspektive der Geschichte, sondern aus der Erinnerung.

Die Kamera führte George Chiper-Lillemark, der Schnitt stammt von Dragoș Apetri.
Die Musik komponierten Marius Leftărache und Nicolas Becker, das Sounddesign verantwortete Cyril Holtz.

 

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